Die vorliegende Arbeit wird in drei Teile gegliedert: der Wandlungsprozeß der Tell-Sage, Tells Mythologisierung bei Schiller und Tells Entmythologisierung bei Frisch. Der sagenhafte Tell nahm im Laufe der Jahrhunderte die literarische Gestalt entweder als patriotischer, historischer Held oder als dessen Gegenbild an. Beispielsweise hat Schiller in seinem Drama den Tell als eine idealistische Figur betrachtet, als meisterhaften Bogenschützen und Vertreter der schweizerischen Freiheit, durch dessen Kunst die Tyrannei vernichtet wird. Hier sind zwei Handlungen miteinander verknüpft: das Schicksal des Meisterschützen Tell und die Geschichte von der Gründung der schweizerischen Eidgenossenschaft. Im Gegensatz dazu hat Frisch in seiner Prosa den Eidgenossenschafts- und Heldenmythos entkoppelt. Schillers authentische Präsentation des schweizerischen Stoffes und seine literarische Kunst haben seinen『Wilhelm Tell』von 1804 zum beliebten, oft aufgeführten Stück im Spielplan deutschsprachiger Bühnen bis in die 1960er Jahre gemacht. Es wurde ein wichtiger Teil der Schullektüre. Darüber hinaus ging Schillers Tell in der Schweiz so perfekt in die Volksüberlieferung ein, dass man zwischen Fiktion und Wirklichkeit nicht unterscheiden konnte. Im Stück Schillers ist Tell fromm und barmherzig gegenüber den bedrängten Leuten, voll Stolz gegen den unwürdigen Befehl, den Hut zu grüßen, treu seinem gegebenen Wort. Der absolute Gegensatz dazu ist der Landvogt Geßler, der das Urbild eines Tyrannen ist. Er duldet weder die Freiheit noch das Selbstbewußtsein der Schweizer, so dass er sich entschließt, das ganze Volk seinem Willen untertan zu machen. Zu diesem Zweck ist ihm jedes Mittel recht. Die beiden Figuren bilden im Stück ein Unzertrennbares und Notwendiges, um das Gute und das Böse hervorzubringen. Des Weiteren offenbaren sich die Spannungsbeziehungen zwischen Tell und den Eidgenossen, dem Einzelnen und der Gesellschaft, dem Selbstgefühl und der Solidarität. Der Protagonist Tell verändert sich aber im Laufe der dramatischen Handlung. Nach der Überwindung der tödlichen Krise (Apfelschuss-Szene) entschließt er sich zum Mord an Geßler. Der Tötung Geßlers folgt daraufhin die feste Solidarität mit den Eidgenossen. Dadurch erweist sich Tell als Held seiner Landsleute. Schillers Schauspiel hatte zur Folge, dass die Schweizer tatsächlich glaubten, so zu sein, wie Schiller das Volk darstellte. Das schweizerische Volk identifizierte sich mit dem Bild Schillers, so dass diese Vorstellungen zusammen mit den Volksüberlieferungen zu einer nationalen Ideologie verschmolzen wurden. Diesen Punkt greift der Schweizer Autor Frisch mit einer Konfrontation bzw. Provokation auf: Er konfrontiert die Idealität des Mythos mit der Realität des Konkreten. Frisch führt in seiner Prosa『Wilhelm Tell für die Schule』(1971) gegenüber dem Schillerschen Drama und der Befreiungssage neue historische Angaben an. Im Gegensatz zur historischen Überlieferung will Frischs Fiktion aber nicht dogmatisch interpretiert werden. Der Autor will eine mögliche Alternative schaffen, um dem Mythos seine Einmaligkeit und seinen festen Sinn zu nehmen. Dafür wählt der Autor eine neue Erzählperspektive, erzählt die Geschichte aus der Sicht des Ritters Konrad von Tillendorf, der stellvertretend für Schillers Geßler steht, aber ebensogut einen anderen Namen haben könnte und als Fremder in die Urschweiz kommt. In dieser variierten Geschichte ist die Tötung Tillendorfs, die Tell aus Fremdenhass, Starrköpfigkeit und primitivem Trotz beging, ein niederträchtiger Meuchelmord. Mit dieser Variation wird der idealistische Freiheitsmythos abgebaut: ein Anti-Mythos ist entstanden, weil Frisch in der Mythologisierung eines historischen Ereignisses die Gefahr der Kritiklo
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